W?rter machen Sachen

Von liederlichen Weibern, vornehmen Damen und Frauen im Allgemeinen

Dass ich ein gro?er Freund linguistischer Podcasts bin, habe ich ja schon lang und breit erkl?rt. Jetzt habe ich mich zum ersten Mal von einer Podcastfolge zu einem konkreten Beitrag für den Zwiebelblog inspirieren lassen. In der neuesten Folge von Lexicon Valley erkl?rt John H. McWhorter, woher englische Frauenbezeichnungen wie woman, girl und lady kommen. Er konzentriert sich dabei darauf, woher diese Ausdrücke ursprünglich stammen und auf die Ver?nderungen in der Aussprache, die sich im Laufe der Zeit ergeben haben.

Er spricht dabei auch über die Bedeutungsver?nderungen, die im Laufe der Zeit passiert sind: Girl war zum Beispiel früher mal eine geschlechtsneutrale Bezeichnung für ein Kind. Dabei sind mir ein paar interessante Unterschiede zum Deutschen aufgefallen, um die es heute unter anderem gehen soll. Im Deutschen gibt es für Frauenbezeichnungen n?mlich einen ganz klaren Trend zur Bedeutungsverschlechterung (in der Linguistik nennt man diesen Prozess Pejorisierung), der für ihre englischen Entsprechungen anscheinend nicht belegt ist. Dabei wird ein Wort solange abgewertet, bis ein neutraler Ausdruck seinen Platz einnimmt, bis es schlie?lich selbst zu negativ wird – eine st?ndige Abw?rtsspirale.

Fangen wir an mit Frau. Heute kann man die Bedeutung von Frau wohl am besten als ’erwachsener, weiblicher Mensch‘ umschreiben. Dieses Wort ist seit dem 9. Jahrhundert belegt und lautete im Althochdeutschen noch frouwa. Damals hatte es aber noch eine andere Bedeutung als heute: Es handelt sich bei frouwa n?mlich um eine weibliche Form des althochdeutschen Wortes frō, was ’Herr‘ bedeutet. In der althochdeutschen Zeit ist eine frouwa also eine ’Herrin‘, eine hochgestellte Frau oder eine ?verheiratete Edeldame als Vorsteherin des Hauswesens“, wie es beim DWDS ausgedrückt wird.

Ziemlich schnell wird das Wort aber auch für Frauen, die nicht einem h?heren Stand angeh?ren, verwendet. Schon das mittelhochdeutschen vrouwe hat nicht mehr immer das Bedeutungsmerkmal ‚adelig‘ oder ‚Edeldame‘. Diese Bedeutung bleibt am l?ngsten in der Verwendung von Frau als Anrede erhalten, die bis ins 14. Jahrhundert nur feinen Damen vorbehalten war. Seitdem kann man jede erwachsene Person weiblichen Geschlechts als Frau bezeichnen und anreden, ohne damit einen Fauxpas zu begehen.

Wenn aber im Mittelalter nur edle Frauen vrouwe genannt wurden, welche Bezeichnung gab es dann für ganz normale Frauen? Seit dem 8. Jahrhundert kennt das Deutsche das Wort wīb, das wir heute als Weib kennen. Aus heutiger Sicht wirkt das ganz sch?n merkwürdig: Als Weib m?chte heute nun wirklich niemand mehr bezeichnet werden.?Weib bezeichnet laut Duden.de ?unangenehme“ Frauen, auch das Wort ?liederlich“ f?llt in diesem Zusammenhang oft. Die einzige Verwendungsweise, die man wohlwollend ?positiv“ nennen k?nnte, ist die Bedeutung als ’Frau als Objekt sexueller Begierde‘ wie bei Weiberheld oder Rasseweib – weniger wohlwollend gesagt, ist diese Verwendung einfach nur arg sexistisch und dadurch natürlich auch abwertend. Ein neutrales Wort ist Weib also wirklich nicht mehr, obwohl es das im Mittelalter noch war. Da nannte man einfach jede Frau, die nicht adelig war, wīb oder w?p. Mit der Zeit hat es dann die Zusatzbedeutung ‘abwertend, negativ‘ festgesetzt, die wir heute kennen.

Ein besonders nettes Wort für Frauen ist heutzutage Dame. Wir benutzen es, wenn wir edle Frauen meinen oder sehr h?flich sein wollen. Dazu passt auch, dass Dame besonders h?ufig verwendet wird, wenn man (vor allem in H?rweite) über jemanden spricht – und an Toilettentüren steht es natürlich auch. Beim DWDS ist die Bedeutung denn auch als ?Frau von Bildung und gepflegtem ?u?eren“ angegeben. Dame?ist erst seit dem 16. Jahrhundert in deutschen Texten zu finden. Es wurde aus dem Franz?sischen entlehnt. Das franz?sische Wort dame ist wiederum aus dem lateinischen domina entstanden, was ’Herrin‘ hei?t.

Zuerst war Dame vor allem ein Modewort der Minnedichter, die es in der Bedeutung ’geliebte Frau, Herrin‘ verwendet haben. Dabei kam zuerst in franz?sischen Floskeln vor und wurde dann sp?ter auch Teil deutscher S?tze. Im Mittelalter wurden überhaupt viele franz?sische W?rter importiert; das war damals sehr modern. Ab Mitte des 17. Jahrhunderts ist Dame die übliche Bezeichnung für Edelfrauen – Frau bezeichnet jetzt ja schon jetzt jede beliebige Frau, sodass ein neues Wort für Frauen besonders hohen Stands eingeführt wurde.

Wir sehen also, dass sich die Bezeichnungen für erwachsene Personen weiblichen Geschlechts sehr sch?n erg?nzen und sozusagen im Verlauf der Geschichte gegenseitig mit ihrer Bedeutung abwechseln: Erst ist Weib normal und Frau besonders hochgestellt. Dann wird Frau die normale Bezeichnung und Weib bekommt negative Bedeutung. Dann wird Dame entlehnt, um den Platz von Frau?als besonders positive Bezeichnung für edle Frauen einzunehmen.

Warum es diese Abw?rtsspirale für Frauenbezeichnungen gibt, dafür gibt es unterschiedliche Erkl?rungen. Zum einen gibt es die Galanterie-These, die unter anderem von Keller (1995) vertreten wird. Sie besagt, dass M?nner aus H?flichkeit im Umgang mit Frauen h?ufig zu Bezeichnungen greifen, die eigentlich für Frauen einer h?heren Schicht gedacht sind. Wenn ein Bauer seine Frau als vrouwe anspricht und nicht als w?p, dann schmeichelt ihr das sehr, nutzt aber auch den Begriff ab. Und wenn alle das Wort so verwenden, dann verliert es irgendwann den Bedeutungsteil ‚adelig, von hohem Rang‘ und für diese Bedeutung rückt ein anderes Wort (in diesem Fall Dame) nach.

Nübling (2011) h?lt in ihrem Aufsatz über eben dieses Ph?nomen dagegen: Das Gedankenspiel von den h?flichen Herren geht ihrer Meinung nach in den allermeisten F?llen nicht auf. Warum sind, wenn alle zu so h?flichem Umgang miteinander neigen, denn die M?nnerbezeichnungen nicht auch abgewertet worden? Und wie passen die Entwicklungen, die für Dirne und Magd zu beobachten sind (beide waren ursprünglich ganz neutrale Bezeichnungen für weibliche Kinder bzw. junge, unverheiratete Frauen)? Nübling geht eher davon aus, dass die Abwertung von Frauenbezeichnungen den realen Umgang mit Frauen widerspiegelt, die den M?nnern nicht gleichgestellt waren, sondern schlechter behandelt wurden. Die niedriger gestellten Frauenbezeichnungen kommen schnell nur noch in negativen Kontexten vor, was ihre Abwertung dann wiederum beschleunigt.

Eine ?hnliche Entwicklung, bei der immer neue Begriffe gefunden werden müssen, weil die alten abgewertet werden, sieht man ja auch bei Bezeichnungen für Menschen nicht-wei?er Hautfarbe (von N**** zu dunkelh?utig) oder Einwanderer (von Asylant zu Geflüchteter) – und hier ist sicher keine überm??ige Galanterie für den Bedeutungswandel verantwortlich. ?ber dieses Ph?nomen gab es übrigens im letzten Jahr auch eine Episode von Lexicon Valley. Sie tr?gt den Namen The Euphemism Treadmill, was man ungef?hr als die Euphemismustretmühle übersetzen kann. Das ist genau das, was man laut Keller bei den Frauenbezeichnungen beobachten kann: Sprecher_innen benutzen ein besonders positives Wort, sodass es sich im Laufe der Zeit abnutzt, dann von einem neuen positiven Wort verdr?ngt wird und schlie?lich selbst eine negative Bedeutung annimmt.

Am Ende der Episode, die sich haupts?chlich mit Bezeichnungen für Menschen mit dunkler Hautfarbe und Behinderungen besch?ftigt, kommt er zu einem sehr wichtigen Schluss: Aus dieser Tretmühle der Ausdrücke, die abgewertet und von immer neuen Ausdrücken ersetzt werden müssen, kommen wird nicht so leicht heraus. Wenn ich Ausl?nder_innen hasse und will, dass sie alle abgeschoben werden, dann ?ndert sich daran auch nichts, wenn ich statt Asylanten raus! nun Geflüchtete raus! rufe. Oder auf unser eigentliches Thema bezogen: Ob ein Mann zu seiner Frau sagt ?Du bist mein Weib, du hast mir zu gehorchen!“ oder ?Du bist meine Frau, du hast mir zu gehorchen!“ macht am Ende überhaupt keinen Unterschied, weil beide S?tze besagen, dass die Frau dem Mann untertan und zu Willen sein soll.?Dabei liegt die Hauptverantwortung auch nicht unbedingt beim Einzelnen, sondern im Problem der strukturell angelegten Unterdrückung von Minderheiten. Wenn Ausl?nder_innen zum Beispiel in den Medien immer nur in negativen Kontexten vorkommen, dann festigen sich diese Bilder im Kopf der Konsument_innen, ganz unabh?ngig von den Ausdrücken, die dabei verwendet werden. Das hei?t nicht, dass es okay ist, alte und mittlerweile mit einer abwertenden Bedeutung versehene W?rter zu verwenden. Aber es muss sich was in den K?pfen ?ndern, sonst bringt es auch nichts, sich alle paar Jahrhunderte neue W?rter auszudenken.

Zum Weiterlesen:

John H. McWhorter: Words, for her. Lexicon Valley Podcast, Folge 128. 06.02.2018. http://www.slate.com/articles/podcasts/lexicon_valley/2018/02/john_mcwhorter_on_the_origin_of_woman_girl_and_lady.html (gesehen am 10.02.2018).

John H. McWhorter: The Euphemism Treadmill. Lexicon Valley, Folge 107. 18.04.2017. http://www.slate.com/articles/podcasts/lexicon_valley/2017/04/john_mcwhorter_on_euphemisms.html (gesehen am 10.02.2018).

Wikipedia-Artikel Pejorisierung: https://de.wikipedia.org/wiki/Pejoration

Eintrag für frau bei Duden.de: https://www.duden.de/rechtschreibung/Weib (gesehen am 10.02.2018).

Eintrag für frau im DWDS: https://www.dwds.de/wb/Frau (gesehen am 10.02.2018).

Eintrag für weib im DWDS: https://www.dwds.de/wb/Weib (gesehen am 10.02.2018).

Eintrag für dame im DWDS: https://www.dwds.de/wb/Dame (gesehen am 10.02.2018).

Eintrag für girl bei etymonline.com: https://www.etymonline.com/word/girl (gesehen am 10.02.2018).

Keller, Rudi (1995): Sprachwandel, ein Zerrspiegel des Kulturwandels? In: L?nne, Karl-Egon (Hg.), Kulturwandel im Spiegel des Sprachwandels, Tübingen/Basel, 207–218.

Damaris Nübling (2011): Von der ‚Jungfrau‘ zur ‚Magd‘, vom ‚M?dchen‘ zur ‚Prostituierten‘: Die Pejorisierung der Frauenbezeichnungen als Zerrspiegel der Kultur und als Effekt m?nnlicher Galanterie? In: Riecke, J?rg (Hg.): Historische Semantik. Jahrbuch für Germanistische Sprachgeschichte, Bd. 2. Berlin/New York, 344-359 [als PDF unter: https://www.germanistik.uni-mainz.de/files/2015/03/Nubling-2011-Pejorisierung-Frauenbezeichnungen.pdf (gesehen am 10.02.2018)].

Kluge. Etymologisches W?rterbuch der deutschen Sprache. Bearbeitet von Elmar Seebold. 25., durchgesehene und erweiterte Auflage. Berlin, Boston: De Gruyter, 2011.

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