Allgemein · Sprachkritik

Sprachpedanterie im Zug

Es dürfte die wenigsten Leser_innen hier überraschen, aber ich bin keine gro?e Freundin von Sprachpendant_innen. Menschen, die sich über andere Leute lustig machen, nur weil diese nicht immerzu die in ihren Augen ?korrekte“ Formulierung verwenden, finde ich furchtbar nervig und anstrengend. Oder Menschen, die wütende Leserbriefe an Zeitungen schicken und den Untergang des Abendlandes in der Verwendung eines weil-Satzes mit Verb in zweiter Stellung ausmachen („weil das klingt so bl?d“) oder in der ?falschen“ Verwendung von scheinbar. Manchmal treibt die Pedanterie aber so absurde Blüten, dass ich mich beim Kopfschütteln gleichzeitig hervorragend amüsieren kann. Das ist mir letztens mal wieder in der Bahn passiert.

Ich habe im Zug von Bremen nach Bremerhaven eine faszinierende Unterhaltung mitverfolgt. Ein paar Reihen vor mir sa?en ein Mann und eine Frau. Sie hatten sich schon vor Beginn der Fahrt lautstark über das neue Trikot von Werder Bremen unterhalten. Die Frau mochte den Verein offenbar nicht und fand entsprechend das neue Trikot nicht gut, der Mann hingegen fand es gut oder vielmehr fand er es vor allem gut, die Frau damit zu ?rgern, das zu sagen (was ja schon mal Einiges über seinen Charakter aussagt). Ich habe die Unterhaltung dann erst einmal nicht weiterverfolgt, sondern mich anderweitig besch?ftigt – bis ich diesen emp?rten Satz geh?rt hab: Wenn du Zug fahren würdest, dann würdest du nicht hier sitzen, sondern am Anfang des Zugs!?Die Frau hatte wohl gesagt, sie würde Zug fahren, was der Mann als ganz furchtbar falsch empfunden hat – Zug fahren ist seiner Meinung nach wohl etwas, das nur Menschen tun, die am Anfang eines Zuges sitzen, sprich Zugführer_innen vorbehalten ist.

Das Gespr?ch ging dann immer so weiter (Du f?hrst nicht Zug, du SITZT in dem Zug), unterbrochen von (m?glicherweise scherzhaft gemeinten) Beleidigungen, zum Beispiel Da oben muss doch was drin sein! (?brigens der Klassiker der Sprachpedanterie: Wer sich nicht richtig ausdrücken kann, muss wohl extrem dumm sein.) An einem Punkt machte die Frau einen Gegenvorschlag, der aber als ebenso absurd abgetan wurde. Ich konnte das Gesagte nicht richtig verstehen, aber die Antwort des Manns machte sehr klar, dass sie etwas vorgeschlagen haben musste wie Ich sitze im fahrenden Zug. Die Erwiderung war prompt und ebenso überzeugt: Das würde bedeuten, dass der Zug von selber f?hrt.

Da bin ich natürlich hellh?rig geworden. Ganz abgesehen davon, dass man das Gespr?ch sowieso nicht ohne Anstrengungen überh?ren konnte und ich den Tonfall vollkommen unangemessen fand, ebenso wie das Draufherumreiten auf dem angeblich falschen Sprachgebrauch, fand ich den Inhalt und die Argumentation ziemlich interessant. Der Mann hatte offensichtlich eine sehr spezielle Auffassung davon, was das Verb fahren bedeutet.

Um diese nachzuvollziehen, schauen wir uns doch erst einmal an, was der Duden dazu zu sagen hat:

1.
a. (von Fahrzeugen) sich rollend, gleitend [mithilfe einer antreibenden Kraft] fortbewegen
b. bestimmte Fahreigenschaften haben
c. sich unter bestimmten Umst?nden in bestimmter Weise fahren lassen
2.
a. sich [in bestimmter Weise] mit einem Fahrzeug o.??. fortbewegen
b. eine Reise machen
c. eine bestimmte Strecke fahrend zurücklegen
3. (von Verkehrsmitteln o.??.) ein bestimmtes Ziel haben
4.
a. sich auf, mit etwas Beweglichem fortbewegen
b. ein Fahrzeug [irgendwohin] lenken, steuern
c. ein bestimmtes Fahrzeug besitzen
d. als Treibstoff benutzen
5.
a. mit einem Fahrzeug zurücklegen
b. mit einem Fahrzeug ausführen, bew?ltigen
6. durch Fahren in einen bestimmten Zustand bringen
7. mit einem Fahrzeug bef?rdern, an einen bestimmten Ort transportieren
8.
a. (Technik) in Betrieb halten, bedienen
b. (Jargon) ablaufen lassen; [nach Plan] organisieren
9.
a. sich rasch, hastig in eine bestimmte Richtung, an eine bestimmte Stelle bewegen
b. [mit einer schnellen Bewegung] über, durch etwas streichen, wischen, eine schnelle Bewegung machen
10. (Bergmannssprache) sich in einem Grubenbau fortbewegen, sich in die Grube hinein- oder aus ihr herausbegeben
11. (umgangssprachlich) in bestimmter Weise zurechtkommen, bestimmte Erfahrungen machen

Laut W?rterbuch gibt es also 11 (!) verschiedene Bedeutung von fahren, bzw. 21, wenn man alle Unterpunkte als eigene Bedeutungen mitz?hlt. Darunter f?llt es, wenn Fahrzeuge sich rollend fortbewegen (1a), wenn jemand ein Fahrzeug mit Rollen fortbewegt (4b) oder wenn man in einem Fahrzeug sitzt, dass sich rollend fortbewegt (2a).
Die Frau aus dem Zug verwendete?fahren in den Bedeutungen 1a (‚im fahrenden Zug sitzen‘) und 2c (‚Zug fahren‘), w?hrend der Mann nur 4c (?ein Fahrzeug [irgendwohin] lenken, steuern‘) gelten lie?.

Was er wohl dazu sagen würde, dass man fahren auch verwendet, wenn man sich in einem Fahrzeug irgendwo hinbewegt, dass technisch gesehen nicht rollt? Wenn mich jemand fragt, wo ich dieses Jahr Urlaub mache, kann ich antworten: ?Ich fahre im September nach Kalifornien.“ Das funktioniert ganz prima, auch wenn allen Beteiligten klar ist, dass ich aufgrund des Ozeans keineswegs nach Kalifornien komme, indem ich mich nur rollend fortbewege; ich brauche ein Flugzeug, um da hinzukommen (oder ein Schiff).

Wie kann das sein? Fragen wir doch das DWDS,? das auf das etymologische W?rterbuch von Pfeifer zurückgreift:

?[Fahren] ist ursprünglich die allgemeinste Bezeichnung für jede Art der Fortbewegung (‘gehen, reiten, fahren, schwimmen, fliegen’ in sich einschlie?end) und wird erst allm?hlich auf die Fortbewegung mit Wagen, Schiffen, Fahrzeugen aller Art eingeschr?nkt. Es geht auf eine indoeurop?ische Wurzel *per(?)- zurück, die so viel wie ‘hinüberführen, -bringen, -kommen, übersetzen, durchdringen, fliegen’ bedeutet.

Mit dem Verb?fahren konnte man also früher einmal jede Form der Fortbewegung bezeichnen, ganz egal mit welchem Mittel, sei es nun ein Wagen, ein Pferd oder auch nur die eigenen Fü?e. Das kann man heute noch zum Beispiel an Bezeichnungen wie fahrendes (?herumziehendes‘) Volk oder Ballonfahrt sehen. Auch Jesus ist laut Bibel zum Himmel ?gefahren“ – ganz ohne rollenden Untersatz. Das sind nur ein paar ?berbleibsel der allgemeinen Bedeutung, die fahren einmal hatte. Auch erfahren und Zusammensetzungen wie aus der Haut fahren gehen auf diese Bedeutung von fahren zurück. Im Althochdeutschen und Mittelhochdeutschen konnte man noch problemlos mit dem Pferd fahren oder auch zu Fu?. Das Georgslied aus dem 9. Jahrhundert beginnt zum Beispiel mit dem Satz „Georio fuor ze malo“, was auf Neuhochdeutsch so viel hei?t wie „Georg ging/zog zum Gericht“ (vgl. Nübling et al. 2013: 120). Erst im Laufe der Zeit hat sich die Bedeutung von fahren dahingehend verengt, dass man es heutzutage nur noch mit (meistens rollenden) Fahrzeugen assoziiert.

Die Frage, die mich dann aber für den Rest des Abends (und ein wenig auch jetzt noch) besch?ftigt hat, ist: Wenn es falsch ist, zu sagen Ich fahre mit Zug nach Bremen, was ist dann die richtige Art, diesen Umstand auszudrücken? Ich sitze einem fahrendem Zug haben wir oben ja schon ausgeschlossen (bzw. ausschlie?en lassen). Leider habe ich w?hrend der Zugfahrt verpasst, den Mann danach zu fragen. Das ist zum einen zwar sehr schade, zum anderen hatte ich aber wirklich keine Lust, mich mit einem offensichtlich so unangenehmen Menschen zu unterhalten. Dass ich das nicht getan habe, er?ffnet für uns nun die M?glichkeit, nach Herzenslust zu spekulieren.

Also, was w?re die m?glicherweise sprachpedantisch „korrekte“ Antwort auf die Fragen, wie ich nach Bremen komme?

Hier ein paar Ideen:

  • Ich werde mich nachher in einen Zug setzen, der von jemandem nach Bremen gefahren wird.
  • Ich lasse mich nachher per Zug nach Bremen fahren.
  • Ein Zug wird sp?ter von jemandem nach Bremen gefahren und ich werde darin sitzen.
  • Ich werde nachher das Bef?rderungsangebot der deutschen Bahn wahrnehmen, um nach Bremen zu kommen. (Danke an Juno für diese feine Idee)

Das ist natürlich vollkommen absurd und unheimlich umst?ndlich. Vielleicht ist der Mann aus dem Zug ja ein Zeitreisender aus einer fernen Zukunft, in der sich die Bedeutung von fahren noch sehr viel weiter verengt hat. Wahrscheinlicher ist aber aus der heutigen Perspektive, dass er einfach ein unangenehmer Mensch mit einem anstrengenden Sprachverst?ndnis ist…

Wem noch bessere (und noch richtigere!) Ideen fallen, kann diese gerne als Kommentar hinterlassen!

Zum Weiterlesen:

Das Verb fahren im Onlinew?rterbuch von Duden: http://www.duden.de/rechtschreibung/fahren
Das Verb fahren bei DWDS: https://www.dwds.de/wb/fahren#et-1

Der Wikipediaeintrag zum Georgslied: https://de.wikipedia.org/wiki/Georgslied

Der Text des Georgslieds bei WikiSource: https://de.wikisource.org/wiki/Georgslied

Nübling, Damaris / Dammel, Antje / Duke, Janet / Szczepaniak, Renata (2013): Historische Sprachwissenschaft des Deutschen. 4., komplett überarbeitete und erweiterte Auflage. Tübingen: Narr.

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..