oder · W?rter machen Sachen

Pizzas oder Pizzen?

Pizza ist super, denn sie ist lecker und macht satt, aber mehrere davon bergen ein Problem: Sind es denn nun viele Pizzas oder viele Pizzen? Netterweise dürfen wir uns das aussuchen, denn der Duden sieht beide Varianten als Teil der Standardvariet?t. Aber was uns natürlich mehr interessiert, ist die Frage, warum es mit Pizzas und Pizzen überhaupt gleich zwei Pluralformen gibt.

Um diese Frage zu beantworten, schauen wir uns einmal an, welche W?rter typischerweise mit –s und welche mit –en in die Mehrzahl gesetzt werden. Mit –s markieren wir die Mehrzahl vor allem bei W?rtern, die im Deutschen ungew?hnlich sind. Das kommt euch bekannt vor? Als wir über die Mehrzahl von Kuckuck geschrieben haben, ging es auch um –s und welche W?rter sich damit gerne verbinden. Zu W?rtern, die im Deutschen ungew?hnlich sind, z?hlen beispielsweise Fremdw?rter: ein Laptop, viele Laptops, eine Kamera, viele Kameras, eine Chili viele Chilis. Warum m?gen Fremdw?rter –s gerne? Bei Fremdw?rtern ist es wichtig, dass sie gut wiederzuerkennen sind, da sie nicht so h?ufig wie native W?rter (also W?rter, die nicht ins Deutsche entlehnt wurden) gebraucht werden.

Wenn ich ein relativ unbekanntes Wort verwende, muss ich sicherstellen, dass mein Gegenüber dieses kennt und auch wiedererkennt. Wenn ich das Wort aber nun stark ver?ndere, um es in die Mehrzahl zu setzen, dann laufe ich Gefahr, dass mein Gegenüber nicht mehr erkennt, um welches Wort es sich handelt. Deswegen ist es gut, wenn ich das Wort m?glichst wenig ver?ndere. –s am Ende eines Worts ist nur eine minimale Ver?nderung. Deswegen markieren wir die Mehrzahl von Fremdw?rtern einfach damit, sodass man immer super einfach erkennen kann, was die Einzahl ist – man muss ja nur das -s wieder wegnehmen.

Bei sehr bekannten W?rtern ist dieses Prinzip weniger wichtig. Diese kommen so h?ufig vor, dass ich sicher sein kann, dass mein Gegenüber das Wort trotzdem wiedererkennt. Aus diesem Grund kommt –s in nativen W?rtern nicht vor. Für native W?rter verwenden wir (neben weiteren Endungen) gerne -(e)n. Gerade bei Feminina wird diese Endung oft genutzt, um die Mehrzahl anzuzeigen: die Frauen, die Geigen, die Bienen, die Pflanzen.

Nun k?nnen wir uns leicht erkl?ren, was mit der Pizza passiert ist: Pizza ist offensichtlich kein natives Wort, sondern ein Fremdwort, das aus dem Italienischen entlehnt wurde. Um den Plural anzuzeigen, haben wir erst einfach nur ein –s angeh?ngt: eine Pizza, viele Pizzas. So kann man das Wort auch in der Mehrzahl gut erkennen. Warum haben wir nicht einfach den italienischen Plural mitentlehnt? Der italienische Plural von Pizza lautet pizze. Hier findet recht viel Ver?nderung statt und deswegen ist es für ein neues deutsches Wort besser, wenn es einfach nur mit –s in die Mehrzahl gesetzt wird – wenn man ein Wort noch nicht so gut kennt, kann es schon verwirrend sein, wenn sich in der Mehrzahl auf einmal ein ganzer Vokal ?ndert. Inzwischen ist Pizza aber auch hierzulande ziemlich popul?r und gar kein richtiges Fremdwort mehr. Deswegen nutzen wir nun auch –en, um den Plural von Pizza zu markieren. en bringt im Gegensatz zu –s eine ?hnlich gro?e Ver?nderung von Einzahl und Mehrzahl mit sich, die bei Pizze früher einmal zu Verwirrung h?tte führen k?nnen: aus Pizza wird Pizzen. [a] verschwindet also komplett aus dem Wort. Aber da Pizza eben recht bekannt ist, wissen wir, dass es etwas Leckeres zu essen gibt, egal, ob nun von Pizzen statt Pizzas die Rede ist.

Dass Fremdw?rter in das deutsche System eingegliedert werden, ist übrigens nichts Ungew?hnliches, sondern passiert st?ndig. Einige ursprüngliche Fremdw?rter sind gar nicht mehr als solche zu erkennen, da sie sich schon so sehr an das deutsche System angepasst haben. So stammen Fenster und Mauer ursprünglich aus dem Lateinischen, haben aber mit ihren lateinischen Pendants fenestra und murus nur noch wenig zu tun. Deswegen muss man sich auch keine Sorgen machen, dass im Deutschen eventuell zu viele (englische) Fremdw?rter genutzt werden: Das Deutsche kommt gut damit klar, es ver?ndert mit der Zeit einfach die Fremdw?rter, sodass diese „deutscher“ werden. Alles kein Problem.

Das Taxi ist übrigens noch einen Schritt weiter als die Pizza mit der Integration ins deutsche Sprachsystem. Auch hier haben wir zwei Formen für den Plural: die Taxis und die Taxen. Das sieht sehr so aus wie bei Pizza, nicht wahr? Witzigerweise hat der neue Plural Taxen aber auch zu einem neuen Singular geführt: Neben das Taxi kann man auch die Taxe sagen. Das hat folgenden Grund: Taxen sieht sehr aus wie der Plural von Feminina im Deutschen, da diese nun einmal gerne den Plural auf –(e)n bilden: Bienen, Wolken und Pflanzen sind genauso aufgebaut wie Taxen. Da die Biene, die Wolke, die Pflanze im Singular auf ein Schwa enden (<e> in Wolke ist kein [e] wie in See, sondern ein anderer Laut, den wir Schwa nennen. Du kannst es selbst h?ren, wenn du See und Wolke sagst.), bilden wir analog hierzu Taxe. Und da Biene, Wolke und Pflanze Feminina sind, wird natürlich auch die Taxe ein Femininum. Wenn das mit der Pizza auch passieren sollte (was allerdings leider nicht besonders wahrscheinlich ist), dann essen wir eine Pizze statt einer Pizza. Das w?re recht witzig: Unsere Einzahl w?re dann die italienische Mehrzahl.

Ob nun Pizze, Pizzas oder Pizzen, in jedem Fall habt ihr euch jetzt eine oder auch zwei verdient!

Zum Weiterlesen:

Wegener, Heike (2003): Normprobleme bei der Pluralbildung fremder und nativer Substantive. In: Linguistik online 16/04.