Phonologie

Nebensilbenabschw?chung: Das Geheimnis der schrumpfenden W?rter

Dass ich ein gro?er Fan von Sprachwandelprozessen bin, ist kein Geheimnis. Heute will ich euch aber einen meiner absoluten Lieblingssprachwandel vorstellen: die Nebensilbenabschw?chung. Es handelt sich dabei um einen Lautwandelprozess, der schon seit ungef?hr 1000 Jahren im Gange ist und dafür sorgt, dass deutsche W?rter immer kürzer werden, weil unbetonte Silben abgebaut werden. Der Prozess ist auch heute noch nicht abgeschlossen und hat weitreichende Folgen dafür gehabt, wie unsere Sprache heute aussieht.

Springen wir zun?chst einmal zu den frühestens Aufzeichnungen in deutscher Sprache, die uns bekannt sind, und schauen uns an, welche Unterschiede zum heutigen Deutsch uns ins Auge springen. Dann werden wir sehen, wie die Nebensilbenabschw?chung abgelaufen ist und welche Auswirkungen sie hatte – und immer noch hat.

Zwei Vaterunser im Vergleich

Also, beginnen wir mit einem kleinen Ausschnitt aus einem althochdeutschen Text. Auch wenn das Althochdeutsche auf den ersten Blick sehr fremd wird, ist es m?glich, dort Vertrautes zu erkennen. Deshalb machen wir es uns einfach und nehmen einen Text, der wahrscheinlich den meisten eh bekannt ist: das Vaterunser.

Das hier ist der Schluss des Wei?enburger Katechismus, einer althochdeutschen Version des Vaterunser, die aus dem 9. Jahrhundert stammt: auh arlōsi unsih fona ubile

Zum Vergleich ist hier der gleiche Teil aus der ?komenischen Version des Gebets von 1970: sondern erl?se uns von dem B?sen

Diese beiden Zeilen sehen auf den ersten Blick sehr unterschiedlich aus. Wenn man genau hinguckt, kann man aber erkennen, dass in der Mitte ein paar W?rter sehr ?hnlich aussehen. Arlōsi ist das althochdeutsche Wort für erl?se, unsih entspricht dem heutigen uns?und fona ist das ?quivalent zu von. Auch ubile sieht bekannt aus, das bedeutet im Althochdeutschen aber nicht wie heute ‚übel‘, sondern kann an dieser Stelle eher ‚das B?se‘ übersetzt werden.

Wo sind die Vokale hin?

Einen Unterschied zwischen den beiden Ausschnitten kann man gut sehen: Die althochdeutschen W?rter enthalten mehr und viel unterschiedlichere Vokale als die neuhochdeutschen (unsih vs. uns). Im neuhochdeutschen Text kommt das e viel h?ufiger vor, w?hrend im althochdeutschen Text i und a an Stellen stehen, wo wir sie heute nicht erwarten würden. Dieser Unterschied hat System: Im heutigen Deutsch kommt in unbetonten Silben fast ausschlie?lich e vor. In ein paar bestimmten Vor- und Nachsilben wir zum Beispiel in bei Hündin haben sich auch andere Vokale erhalten. Eine andere Ausnahme sind lautmalerische W?rter wie Kuckuck und Zilpzalp. Au?erdem erhalten Fremdw?rter wie Tomate und Banane einige der unbetonten Vokale, die sie in ihrer Ursprungssprache haben. Aber die allermeisten deutschen W?rter haben in unbetonten Silben immer nur einen Vokal: das e. Dieses e unterscheidet sich vom betonten e. Da kann man zum Beispiel h?ren, wenn man sich ein Wort wie Ende laut vorspricht: Die beiden e-Laute klingen unterschiedlich. In der Sprachwissenschaft nennen wir diesen unbetonten e-Lautam Ende von Ende Schwa.

Im Althochdeutschen konnte dagegen grunds?tzlich jeder Vokal entweder in einer betonten oder unbetonten Silben vorkommen. Im Laufe der Zeit hat sich diese Verteilung aber ver?ndert. Schon im Mittelhochdeutschen, das zwischen 1050 und 1350 gesprochen wurde, finden wir in unbetonten Silben fast nur noch e. Aus dem althochdeutschen irlōsen wird also das mittelhochdeutsche erl?sen und aus ahd. reganbogo wird mhd. regenboge. Diese sogenannte Abschw?chung der Nebensilben ist einer der gr??ten Unterschiede zwischen der althochdeutschen und der mittelhochdeutschen Sprachstufe und gilt daher auch als ein Merkmal des Mhd.

Das ist aber nicht er einzige vokalische Unterschied zwischen den beiden Ausschnitten aus dem Vaterunser. Im althochdeutschen Text sind ja nicht nur andere Vokale zu finden, sondern auch viel mehr. Fona wird zum Beispiel zu von und in ahd. ubile k?nnen wir das neuhochdeutsche Wort ?bel erkennen. Beide haben zur althochdeutschen Zeit am Ende noch einen Vokal, w?hrend die heutigen W?rter mit Konsonanten enden. Dieser Wandel beginnt schon beim ?bergang zur mittelhochdeutschen Zeit, setzt sich aber noch st?rker auf dem Weg zum Neuhochdeutschen fort. Durch die Nebensilbenabschw?chung werden manche W?rter im Laufe der Zeit ganz sch?n stark zusammengekürzt: Das heutige Pilger stammt zum Beispiel ursprünglich von dem sp?tlateinischen Wort pelegrīnus und hat seit seiner Entlehnung im 8. Jahrhundert einen nicht unerheblichen Teil seiner Laute eingebü?t. Wie konnte das passieren?

Ver?nderungen in der Betonung

Man glaubt, dass die Nebensilbenabschw?chung durch eine Ver?nderung in der Betonung ausgel?st wurde. Um es kurz zu machen: In der voralthochdeutschen Zeit war die Betonung von W?rtern noch viel variabler als heute. Im heutigen Deutsch werden die meisten W?rter auf der ersten Silbe betont (WOLke, SOLlen, GRAde). Ausnahmen von dieser Regel sind manche dreisilbigen W?rter (FoRELle) und W?rter mit bestimmten Vorsilben (EntLEHnung, BeST?Ndig, verLAUfen).

Im Germanischen, also in der Sprachstufe vor dem Althochdeutschen, gab es mehr Variation. Das k?nnen wir heute noch bei manchen Fremdw?rtern sehen. Von dem Wort Musik abgeleitete W?rter haben die Betonung zum Beispiel manchmal auf der ersten Silbe (MUsiker) und manchmal auf der dritten (musiKAlisch), w?hrend Musik selbst auf der zweiten Silbe betont wird (MuSIK). Im Germanischen galt diese variable Betonung auch für W?rter, die nicht aus anderen Sprachen entlehnt waren. Im Laufe des Germanischen hat sich die Aussprache aber ver?ndert und die Betonung wurde auf die erste Silbe im Wort festgelegt. Unbetonte Silben werden leiser ausgesprochen als betonte und oft auch nicht ganz so deutlich.

Auch das Schwa verschwindet

Nachdem also die Betonung auf die erste Silbe von W?rtern festgelegt wurde, ver?ndern sich die unbetonten Vokale gegen Ende der althochdeutschen Zeit ganz langsam zu Schwa, das als e geschrieben wird. Damit aber nicht genug: Am Ende der mittelhochdeutschen Zeit werden viele dieser unbetonten Schwa-Laute weggelassen. Und dieser Prozess geht danach noch weiter. Das kann man am folgenden Beispiel sehen: Ein Vaterunser von Martin Luther aus dem Jahr 1545 enth?lt zum Beispiel den Satz Dein Name werde geheiliget. Heutzutage lautet die Partizipform allerdings geheiligt ohne Schwa. Und es sind in den letzten paar Jahrhunderten noch viel mehr Schwas verschwunden: Am Ende von Dativformen kommt nur noch sehr selten ein e vor, au?er in festen Wendungen wie im Jahre – oder wenn wir m?chten, dass etwas besonders poetisch klingt. Dann sagen wir vielleicht auch mal, dass das Essen auf dem Tische steht.

Aber ganz besonders stark f?llt die Nebensilbenabschw?chung heute bei den Verben auf. Wir haben zwar gelernt, dass die Ich-Form von Verben eigentlich mit einem e endet (ich laufe, ich esse, ich gucke), aber in der normalen Umgangssprache lassen wir dieses e ganz h?ufig weg (ich lauf, ich ess, ich guck). Dass es sich dabei um einen Wandelprozess handelt, der noch nicht abgeschlossen ist, merkt man zum Beispiel auch daran, dass die Autokorrektur auf dem Handy noch nicht alle neuen Formen kennt. Ich k?mpfe ganz regelm??ig mit meinem Smartphone, weil ich will, dass meine Nachrichten bei Telegram so klingen, als würde ich mit einer Freundin sprechen. Und in der gesprochenen Sprache würde ich das e am Ende von ich werde auf jeden Fall weglassen. Mein Smartphone macht aber aus ich werd jedes Mal ich wird, auch wenn dann das Pronomen und die Verbform nicht mehr zusammenpassen, weil die Autokorrektur bisher nur die alten Formen mit Schwa kennt.

Die Auswirkungen der Nebensilbenabschw?chung

Jetzt, wo wir den Verlauf der Abschw?chung und die Gründe dafür beleuchtet haben, wollen wir uns noch anschauen, welche Auswirkungen dieser Lautwandel hatte. Auch wenn die vielen Vokalen im Althochdeutschen hübsch aussehen und sehr sü? klingen, wenn man sie laut ausspricht (zumindest meiner Meinung nach), waren sie natürlich nicht nur zur Zierde da. Sie hatten im Althochdeutschen eine wichtige Aufgabe. Viele der Vokale, die am Ende von W?rtern standen, haben bei Nomen den Kausus angezeigt und bei Verben den Modus (zum Beispiel Konjunktiv oder Imperativ). Das althochdeutsche Wort taga ist zum Beispiel der Nominativ Plural und die Form tago ist der Genitiv Plural von Tag. Im Neuhochdeutschen lauten beide Formen jetzt gleich: Tage und Tage. An dem Nomen selbst kann man die Form also nicht mehr erkennen. Im Neuhochdeutschen ist das für uns kein Problem, weil wir den grammatischen Fall an den begleitenden Artikeln (die Tage vs. der Tage) oder Adjektiven (sch?ne Tage vs. sch?ner Tage) erkennen k?nnen.

Im Althochdeutschen war es aber ein riesiges Problem, dass verschiedene Formen von Nomen auf einmal gleich aussahen. Damals kam der Artikel n?mlich nur selten vor und hatte zuerst auch noch eine andere, zeigende Bedeutung (so wie heute dieser). Weil der Kasus aber eine wichtige Information ist, musste die Nebensilbenabschw?chung irgendwie kompensiert werden. Und so wurde der Artikel, an dem man den Kasus immer noch gut ablesen konnte, immer h?ufiger und schlie?lich obligatorisch: Heute stehen Nomen in fast allen Kontexten mit einem Artikelwort, an dem wir erkennen k?nnen, um welche Form es sich bei Tage genau handelt. Ohne die lautliche Ver?nderung und den Schwund der unbetonten Vokale w?re es wahrscheinlich nicht dazu gekommen und wir würden heute deutlich weniger Artikel verwenden.

Die Ausbreitung der Artikel ist nur eine der Auswirkungen der Nebensilbenabschw?chung. Sie ist noch für eine Reihe weiterer Entwicklungen im Satzbau und in der Wortbildung verantwortlich, zum Beispiel für die Ausbreitung von Pronomen vor Verben (Ich laufe) und dafür, dass der Umlaut systematisch zur Anzeige des Plurals verwendet wird (eine Mutter vs. zwei Mütter). Somit kann man sagen, dass die Nebensilbenabschw?chung, bei der Vokale zun?chst in unbetonten Silben zum als e verschriftlichten Schwa geworden und dann vielfach ganz weggefallen sind, eine der weitreichensten Ver?nderungen überhaupt in der deutschen Sprachgeschichte war – und immer noch ist.

Zum Weiterlesen

Flick, Johanna (2020): Die Entwicklung des Definitartikels im Althochdeutschen: Eine kognitiv-linguistische Korpusuntersuchung. Berlin: Language Science Press.
Hartmann, Stefan (2018): Deutsche Sprachgeschichte. Grundzüge und Methoden. Tübingen: Francke.
Stedje, Astrid (62007): Deutsche Sprache gestern und heute. Stuttgart: utb.
Wikipedia-Artikel zu Schwa: https://de.wikipedia.org/wiki/Schwa (gesehen am 01.05.2022).

8 Kommentare zu „Nebensilbenabschw?chung: Das Geheimnis der schrumpfenden W?rter

  1. Passt dazu auch das vor allem (aber nicht nur) im n?rdlichen Deutschland sehr ausgepr?gte Verschlucken der Endsilbe -en? Das klingt etwa so: „Wir k?nn‘ Ihn‘ die Genehmigung‘ nicht zukomm‘ lassen“. Oder „Willkomm‘, wie gewonn‘, so zeronn’…“.

    Machen auch deutsche Berufssprecher sehr oft und ist für mich als ?sterreicher so eine „typische deutsche“ Sprechweise, die mir trotz jahrelangem Aufenthalt in Deutschland immer noch etwas gegen den Strich gebürstet klingt – zumal die Sprecher gleichzeitig fest überzeugt sind, ein v?llig dialektfreies Standarddeutsch („Hochdeutsch“) zu sprechen.

    Mittlerweile scheint es auch im informellen Schriftverkehr angekommen zu sein, man liest recht h?ufig sowas wie „ich hab mein Koffer vergessen“.

    W?re interessant zu wissen ob das ein neuer oder sich beschleunigender Prozess ist (was mein subjektiver Eindruck ist) oder eigentlich immer schon gemacht wurde.

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    1. Danke für den Kommentar! Bei den Beobachtungen kommen ein paar verschiedene Dinge zusammen, denke ich. Man kann diese „Verschluckungen“ wahrscheinlich schon dazu z?hlen – bzw. ist es eigentlich so, dass wir bei Endsilben, die wir als -en (Stra?en) oder -el (Angel) schreiben, das e auch ganz regul?r nicht sprechen, sondern nur die Konsonanten. In der Linguistik nennen wir das dann silbentragenden Nasale. In den von dir aufgeführten Beispielen scheint aber direkt die ganze Silbe zu verschwinden, weil der letze Laut davor auch ein n ist. Manchmal wird dieses n dann quasi lang ausgesprochen, um das zu kompensieren.
      Bei „Ich habe mein Koffer vergessen“ ist das oberfl?chlich betrachtet auch der Fall. Dann kommt aber noch dazu, dass „mein“ mit einer anderen Form, n?mlich dem Akkusativ Neutrum („Ich habe mein Buch vergessen“), zusammenf?llt. Deshalb f?llt uns das ganz besonders doll auf, weil wir diese Form eigentlich in anderen Kontexten erwarten würden.
      Der Prozess der Nebensilbenabschw?chung ist an sich ja schon seit vielen Jahrhunderten im Gange und weil er so effektiv ist, zeigt er sich immer mal wieder auf andere Weise. Insofern ist das sicherlich eine eher neue Erscheinung – ich tippe darauf, dass wir solche Formen ab Mitte des 20. Jahrhunderts finden k?nnen. Also nicht brandneu, aber relativ gesehen schon eher neu.

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  2. Wow, extrem interessant, vielen Dank dafür! Falls Du noch Themen für weitere Beitr?ge suchst: Mich würde noch interessieren, wie solche Prozesse in anderen Sprachen aussehen, ob man dort ?hnliche Dinge oder etwas ganz anderes beobachtet. Super Blog!

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