Gastbeitrag · Graphematik

Kyjiw, Kyiv oder Kiew? Die Schreibung ukrainischer St?dtenamen

Aus schrecklichem Anlass – dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine – haben wir alle in den letzten Wochen viel über Namen und Lagen von St?dten in der Ukraine gelesen. Und vielleicht ist euch auch aufgefallen, dass die Schreibung in den unterschiedlichen Medien voneinander abweicht – und dass einige St?dte anders geschrieben werden als noch ein paar Jahre zuvor. Die ?Deutsche Welle“ etwa schreibt in diesem Artikel von 2014 <Charkow>, im Jahr 2022 dagegen <Charkiw>. Im Englischen hat sich seit einigen Jahren <Kyiv> gegenüber <Kiev> durchgesetzt. Woher kommen diese Unterschiede? Das schauen wir uns in diesem Gastbeitrag einmal an.

Vom kyrillischen Alphabet zum lateinischen

Die Amtssprache der Ukraine ist seit der Unabh?ngigkeit im Jahr 1991 das Ukrainische. Die meisten Ukrainer sprechen au?erdem Russisch, für knapp ein Drittel ist es die Muttersprache (hier berichtet ein russischsprachiger Ukrainer 2019 darüber, wie seine Landsleute über die beiden Sprachen denken). Beide Sprachen werden mit dem kyrillischen Alphabet geschrieben – und das k?nnen die meisten Westeurop?er nicht lesen. Deshalb muss das kyrillische Alphabet für uns mit lateinischen Buchstaben geschrieben werden.

Ganz grunds?tzlich gibt es zwei Anl?sse, das kyrillische Alphabet mit lateinischen Buchstaben zu schreiben: Entweder soll einem Publikum, das kyrillische Buchstaben nicht lesen kann, klar gemacht werden, wie der Name ausgesprochen wird. Eine andere M?glichkeit ist, darzustellen, wie der Name mit kyrillischen Buchstaben geschrieben wird.

Transkription vs. Transliteration

Die erste M?glichkeit der ?bertragung von einem Schriftsystem ins andere nennt man Transkription. Trans kommt aus dem Lateinischen und bedeutet ‘hinüber’ und im zweiten Teil des Worts steckt das lateinische Verb scribere – ‘schreiben’. Es geht hier also um eine ?Umschrift“ im Wortsinn, die es erm?glichen soll, das Wort richtig auszusprechen.

Und das ist gar nicht so einfach: Denn für manche Laute, für die im kyrillischen Alphabet ein Buchstabe existiert, gibt es im lateinischen Alphabet keine einfache Entsprechung. Ein Beispiel ist der sch?ne Buchstabe <ч>, dessen Laut im Deutschen sogar mit vier Buchstaben wiedergegeben werden muss: <tsch>. Der Dichter Tschechow (kyrill. <Чехов>) beginnt mit diesem Buchstaben. <Tschechow> ist die in Deutschland übliche Transkription.

Die zweite M?glichkeit hei?t Transliteration. Sie ist in der wissenschaftlichen Welt viel wichtiger als für den Rest der Menschheit: Im zweiten Wortteil steckt hier litera, der Buchstabe. Es geht also um eine buchstabengetreue Schreibung in einem anderen Alphabet. Ganz wichtig ist bei der Transliteration, dass eine 1:1-?bertragbarkeit von Buchstaben gew?hrleistet ist. Von der transliterierten Form kann immer auf die kyrillische Ursprungsform geschlossen werden. Tschechow wird transliteriert <?echov> geschrieben. Die Aussprache spielt für die Transliteration dagegen keine Rolle.

Wie gehen die Medien in Deutschland vor?

Für die meisten Menschen hier und damit auch für deutsche Medienlandschaft ist die Transkription, also die Umschrift, entscheidend. Es geht um die Aussprache des Wortes, die im Deutschen m?glichst ad?quat wiedergegeben werden soll.

Doch insbesondere bei der Transkription ukrainischer Ortsnamen stellt sich die Frage: Welche Aussprache wollen wir eigentlich wiedergeben – die russische oder die ukrainische? Obwohl die beiden Sprachen sich ?hnlich sind, haben sie doch viele Unterschiede bei Schreibung und Aussprache. Traditionell wurde für viele ukrainische St?dte in Deutschland die Transkription der russischen Namen verwendet. Das k?nnte noch aus der Zeit der Sowjetunion kommen, deren Amtssprache das Russische war. <Charkow> zum Beispiel gibt die russische Aussprache des Namens wieder.

In den letzten Jahren und Monaten haben sich dagegen die allermeisten Medien für die ukrainische Aussprache entschieden. Unter anderem die Tagesschau, der Spiegel, die FAZ und die SZ schreiben <Charkiw>. Wie in den meisten F?llen decken sich hier Schreibung und Aussprache, die Stadt wird auch mit <i> im Ukrainischen und <o> im Russischen geschrieben. Das <ch> am Wortanfang wird übrigens wie das <ch> in Dach ausgesprochen. Andere St?dtenamen, bei denen die Transkription früher h?ufig aus dem Russischen kam und jetzt meist aus dem Ukrainischen erfolgt, sind zum Beispiel <Dnipro> (russ. <Dnepr>) und <Saporischschja> (russ. <Saporoschje>).

Andere L?nder, andere Transkriptionen

Die Transkription nutzt also die Ausspracheregeln der Zielsprache, um die korrekte Aussprache m?glichst einfach zu machen. Andere Sprachen, zum Beispiel das Englische, haben dementsprechend auch eine andere Transkription. Mit der werden wir immer wieder konfrontiert, wenn englische Texte ins Deutsche übersetzt werden oder wenn Deutsche englische Medien konsumieren.

Hier sind die wichtigsten Unterschiede: Was auf Deutsch als <w> wiedergegeben wird, ist auf Englisch <v>. Auf Deutsch schreibt man also <Lwiw> und <Charkiw>, auf Englisch <Lviv> und <Kharkiv>. Am zweiten Beispiel sehen wir gleich einen weiteren Unterschied: Der deutsche <ch>-Laut wie in Dach wird auf Englisch mit <kh> wiedergegeben. Und, besonders verwirrend: der deutsche <tsch>-Laut ist in der englischen Transkription <ch>. Auf Englisch wird die Stadt im Norden der Ukraine also Chernihiv geschrieben, auf Deutsch dagegen Tschernihiw. Und im Russischen und Ukrainischen wird für den Anfangslaut – ihr ahnt es schon – ganz einfach unser alter Bekannter ?ч“ genutzt.

Kyjiw & Kiew, Kyiv & Kiev

Eine Ausnahme stellt die Schreibung der ukrainischen Hauptstadt Kiew dar. Hier kommen einige Besonderheiten zusammen, die es erschweren, sich darauf zu einigen, welche deutsche Umschrift angemessen sein k?nnte. Auf Ukrainisch wird die Stadt <Ки?в> geschrieben (das kann man sich hier anh?ren: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/13/Uk-%D0%9A%D0%B8%D1%97%D0%B2.ogg). Laut den allgemeinen Transkriptions-Regeln wird das auf Deutsch <Kyjiw> geschrieben – seit einigen Jahren ist diese Schreibung sogar in den Duden aufgenommen.

Wieso gibt es dann so viele Schreibvarianten? Der Laut, der mit <y> wiedergegeben wird, existiert im Deutschen so nicht wirklich – zumindest sind wir uns dessen nicht bewusst. Es ist ein Laut ?hnlich einem kurzem i wie im Wort Lippe. Das macht die Umschrift der ukrainischen Aussprache so schwierig: Wie Kyjiw auf Deutsch klingen soll, ist nicht wirklich intuitiv zu erfassen.

Auf Russisch hei?t die Stadt <Киев>. Das wird ins Deutsche als <Kijew> transkribiert – das hei?t, so wird die russische Aussprache auf Deutsch abgebildet. Und das ist ziemlich nah an der etablierten deutschen Schreibung <Kiew>, die ja auch mit einem j-Laut zwischen <i> und <e> ausgesprochen wird. Befürwortende der deutschen Form <Kyjiw> statt <Kiew> meinen: Die Schreibung <Kiew> kommt aus dem Russischen und sollte deshalb durch die ukrainische Aussprache <Kyjiw> ersetzt werden.

Trotzdem überwiegt die Schreibung <Kiew> auch heute in der deutschsprachigen Medienlandschaft. Dafür lassen sich zwei m?gliche Begründungen finden, die zeigen wollen, dass die Schreibung <Kiew> nicht direkt aus dem Russischen kommt. Die erste ist, dass <Kiew> als deutscher Eigenname gesehen werden k?nnte, ?hnlich wie Warschau (polnische Aussprache ?Warschawa“) und Moskau (russische Aussprache ?Maskwa“) – angelehnt an die Sprache, die in dieser Stadt gesprochen wird, aber eben doch anders. Und die zweite ist, dass die Schreibung der Stadt als K-i-e-w (kyrill. Ки?в) schon in Quellen aus der Zeit der Kiewer Rus (10.–15. Jahrhundert) zu finden ist, die auf Altostslawisch verfasst wurden. Aus dem Altostslawischen entwickelten sich das Belarusische, das Russische und das Ukrainische. Der Name <Kiew> k?nnte auf diese alte Form zurückgreifen, als es noch gar keinen Unterschied zwischen dem Russischen und dem Ukrainischen gab.

Wenn Rechtschreibung politisch wird

Ein Blick in den englischsprachigen Raum verdeutlicht die Diskussionslinien. Dort war die Situation bis vor ein paar Jahren ganz ?hnlich: Die ukrainische Hauptstadt wurde seit zwei Jahrhunderten als <Kiev> geschrieben. Doch das wollten viele Menschen aus der Ukraine ?ndern, eben weil diese Schreibung für sie sehr ?russisch“ aussieht. 1995 begann die Ukraine deshalb selbst, auf Englisch <Kyiv> statt <Kiev> zu nutzen – also eine Schreibung, die der ukrainischen mehr ?hnelt.

W?hrend der Euromaidan-Proteste 2014 in der Ukraine wurde der Hashtag #KyivNotKiev ins Leben gerufen, der auch aktuell wieder stark genutzt wird. 2018 startete das ukrainische Au?enministerium au?erdem eine Kampagne zur Verbreitung der Schreibung <Kyiv> im englischsprachigen Raum. Die lateinische Orthographie des Namens der Hauptstadt wurde bewusst politisch aufgeladen: W?hrend die Schreibung <Kiev> als Legitimation für einen russischen Anspruch auf die Gebiete der Ukraine gesehen wurde, betonte <Kyiv> die Unabh?ngigkeit der Ukraine und die Losl?sung von der sowjetischen Vergangenheit. Die Ukraine selbst f?rdert also aus politischen Gründen eine m?glichst ukrainisch aussehende Schreibung. Um die Ausspracheerleichterung, für die die Transkription ja eigentlich da ist, geht es in dieser Debatte nicht mehr.

Buchstaben-Treue statt Laut-Treue

Am englischen <Kyiv> genauso wie am deutschen <Kyjiw> zeigt sich au?erdem, wo die Transkription an ihre Grenzen st??t: Einen Laut, den es in der Zielsprache nicht gibt, kann man auch nicht darstellen. Trotzdem gibt es natürlich Transkriptions-Richtlinien für diesen Laut – aber die führen nicht unbedingt dazu, dass wir die Umschrift gut aussprechen k?nnen. Die Transkription erfüllt damit ihren eigentlichen Zweck nicht mehr gut, n?mlich die Aussprache zu erleichtern.

Im englischsprachigen Raum wird also durch die ?bernahme der Schreibung von <Kyiv> in Kauf genommen, dass die Sprecherinnen und Sprecher jetzt erst lernen müssen, wie die Hauptstadt der Ukraine auf Ukrainisch ausgesprochen wird. Meiner Meinung nach wird damit sogar wieder ein Schritt weg von einer ausspracheorientierten Umschrift hin zu einer buchstabenorientierten vollzogen: Wie die Hauptstadt der Ukraine geschrieben wird, ist aus politischen Gründen wichtiger, als dass sie gut ausgesprochen werden kann. Die symbolische Wirkung der Orthographie wird st?rker gewichtet als die Integration in die Zielsprache.

Aus einem ?hnlichen Grund wird für das Deutsche auch manchmal gefordert, <Odesa> statt <Odessa>zu schreiben: Im Ukrainischen wird die Stadt mit einem <s>, im Russischen mit <ss> geschrieben. Die Aussprache im Deutschen ?ndert sich nicht. Das <s> ist in jedem Fall stimmlos wie in Last oder Maus. Die Schreibung mit einem <s> ist für deutsche Muttersprachler*innen damit verwirrender als die Schreibung mit zwei <s>. Denn nach den deutschen Ausspracheregeln sollte das <s> dann in Odesa stimmhaft ausgesprochen werden wie in K?se oder Sonne – und das <e> davor lang wie in Weser. Auch bei dieser Forderung wird also die buchstabenorientierte, sichtbare Abgrenzung vom Russischen st?rker gewichtet als die Ausspracheerleichterung für deutsche Muttersprachler*innen, die das ursprüngliche Ziel der Transkription ist.

Vielleicht wird sich die Entwicklung aus dem englischsprachigen Raum in ein paar Jahren auch bei uns vollziehen, und <Kiew> wird uns dann aus politischen Gründen veraltet verkommen. Bislang ist davon jedoch in der deutschen Medienlandschaft wenig zu spüren.

Neben <Kiew> vs. <Kijyw> gibt es auch noch andere F?lle, bei denen die Schreibung ukrainischer St?dte im Deutschen umstritten ist: n?mlich bei St?dten, die einen etablierten deutschen Namen haben – am bekanntesten ist die Diskussion um die Stadt Lwiw, die auf Deutsch Lemberg hei?t. Aber auch für Tscherniwzi, die Hauptstadt der gleichnamigen Oblast (so werden die gr??ten Verwaltungsbezirke der Ukraine genannt) in der Westukraine, wird oft ein deutscher Name verwendet, n?mlich Czernowitz. Dessen Schreibung mit <Cz> ist wiederum aus dem Polnischen über ?sterreich-Ungarn zu uns gekommen – aber das würde hier nun wirklich zu weit führen.

Alisa Müller

Zum Weiterlesen:

Wikipedia-Artikel Kyrillisches Alphabet, Abschnitt Ukrainisch: https://de.wikipedia.org/wiki/Kyrillisches_Alphabet#Ukrainisch

Wikipedia-Eintrag Name of Kyiv (englisch): https://en.wikipedia.org/wiki/Name_of_Kyiv

Roman Goncharenko: Kyiv statt Kiew. Deutschlandfunk, 24.08.2011. https://www.deutschlandfunk.de/kyiv-statt-kiew-100.html

Denis Trubetskoy: Namenskampagne für die ukrainische Hauptstadt: Kyiv statt Kiev. MDR, 24.10.2018. https://www.mdr.de/nachrichten/welt/osteuropa/ostblogger/kyiv-not-kiev-kiew-auf-ukrainisch-100.html

Mark Rice-Oxley: How to pronounce and spell ‘Kyiv’, and why it matters. The Guardian, 25.02.2022. https://www.theguardian.com/world/2022/feb/25/how-to-pronounce-and-spell-kyiv-kiev-ukraine-and-why-it-matters

Veronika Wulf: Kiew oder Kyiv? Vier Buchstaben für die Freiheit. Süddeutsche Zeitung, 20.03.2022. https://www.sueddeutsche.de/panorama/ukraine-kiew-kyiv-schreibweise-russisch-ukrainisch-1.5551119

Sebastian Kempgen: Kiev oder Kyjiv? Wie schreibt man eigentlich ukrainische St?dtenamen richtig? https://www.uni-bamberg.de/slavling/personal/prof-em-dr-sebastian-kempgen/news/artikel/kiev-oder-kyjiv/

2 Kommentare zu „Kyjiw, Kyiv oder Kiew? Die Schreibung ukrainischer St?dtenamen

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