Wortgeschichte

Gott zum Gru?e: Woher „Hallo“, „Moin Moin“ und „Tschüs“ kommen

Als ich im Oktober 2017 von Hamburg nach Bamberg gezogen bin, hatte ich im Vorfeld gro?e Sorgen, dass ich Probleme mit dem regionalen Sprachgebrauch haben würde. Tats?chlich hat sich diese Befürchtung nicht best?tigt. Das liegt zu einem nicht kleinen Teil daran, dass die meisten Menschen, mit denen ich t?glich zu tun habe, gar nicht aus Franken kommen, sondern aus anderen Teilen Deutschlands (oder aus ?sterreich). Den auff?lligsten Unterschied, den ich bisher ausmachen konnte, sind die sehr unterschiedlichen Gro?worte, die im Süden und Norden benutzt werden. Jedes Mal, wenn jemand unironisch Grü? Gott zu mir sagt, muss ich stutzen. Auch an den Gebrauch von Ade mit der hier üblichen Aussprache (Betonung auf der ersten Silbe, als áde und nicht adé) muss ich mich erst noch gew?hnen. Was mich an Grü? Gott am meisten irritiert, ist die explizite Religiosit?t. Grund genug für mich, mal nachzuschauen, was die anderen Gru?formeln, die es im Deutschen gibt, eigentlich bedeuten. Dabei hab ich unter anderem herausgefunden, dass auch Grü?e, die ich t?glich verwende, religi?se Wurzeln haben.

Fangen wir zur allgemeinen Verwirrung mit ein paar Abschiedsgrü?en an: Dass die beiden W?rter Ade und Adieu miteinander verwandt sind, kann man ganz gut erkennen. Sie kommen beiden aus dem Franz?sischen. Das etymologische W?rterbuch von Kluge geht davon aus, dass sie nacheinander entlehnt wurden. Adieu kommt vom Franz?sischen à dieu, was ’zu Gott‘ bedeutet und ist seit dem 15. Jahrhundert Teil des Deutschen. Ade geht auch auf franz. à dieu?zurück, wurde aber anscheinend schon im 13. Jahrhundert entlehnt und kommt wohl von der nordfranz?sischen Variante adé. Die beiden W?rter sind im Laufe der Zeit zu einem verschmolzen und dieses Wort hat dann seinen Weg in die deutsche Sprache gefunden. Die Vereinfachung am Wortende von adieu zu ade hat schon im Franz?sischen selbst stattgefunden und innerhalb von 200 Jahren haben beide Varianten unabh?ngig voneinander ihren Weg in die deutsche Sprache gefunden.

Es sieht zwar auf den ersten Blick nicht so aus, aber Tschüs(s) ist sehr eng mit Ade?und Adieu verwandt. Dieser Gru? hat sich aus dem wallonischen Wort adjuus?entwickelt, das seinerseits in eine Reihe mit franz. adieu?und span. adiós geh?rt. Im Deutschen wurde adjuus?dann in unterschiedlichen Regionen zu adjüs, adjes, tjüs?und tschüs(s) ver?ndert. Auch wenn Tschüs(s) lange als ein sehr norddeutsches Wort galt (?In Hamburg sagt man Tschüss“), ist es heute die standardm??ige Verabschiedung in ganz Deutschland. Die drei Verabschiedungen Ade, Adieu?und Tschüs(s) gehen also alle auf W?rter aus romanischen Sprachen zurück, die sich aus dem Lateinischen entwickelt haben.

Apropos Latein: Auch Servus, was eher in Süddeutschland verwendet wird, kommt aus dem Lateinischen. Ursprünglich bedeutete das Wort so viel wie ’Diener, Sklave’. Der Gru?, der seit dem 19. Jahrhundert in Deutschland üblich ist, kann also als ’Ich bin dein Diener‘ übersetzt werden. Damit verwandt ist das italienische Wort ciao und dessen eingedeutschte Version Tschau. Ciao?basiert auf italienisch schiavo (’Sklave, Diener‘), was wiederum von dem mittellateinischen Wort sclavus kommt, dem wir die Bedeutung ’Sklave‘ quasi ansehen k?nnen. ?ber die venezianische Nebenform scia(v)o hat sich ciao zuerst in der italienischen und dann in der deutschen Sprache ausgebreitet.

Nun aber genug mit den Verabschiedungen; weiter geht’s mit den Begrü?ung: Ganz andersals bei den bisher besprochenen W?rtern ist die Geschichte von Hallo. Es kommt von dem althochdeutschen Wort halōn bzw. holōn?mit der Bedeutung ’holen‘ und geht auf eine indogermanische Wurzel zurück, die so viel wie ’rufen‘ bedeutet. Holla ist eine Variante von Hallo. Beide sind Imperative, also Befehlsformen, und wurden früher dazu benutzt, die Aufmerksamkeit von F?hrm?nnern zu erregen und ihnen zu sagen, dass sie mit der F?hre herkommen und jemanden über einen Fluss fahren sollten (?Hol über!“). Weil Hallo in dieser Funktion auf der letzten Silbe betont wurde, ist das [o] bis heute erhalten geblieben. So sieht Hallo gar nicht wie ein gew?hnliches deutsches Wort aus, sondern eher so, als w?re es ein lautmalerisches Wort wie aua?oder ui. Zu diesen geh?ren wohl auch die aus dem Englischen stammenden Hi und Hey, die ursprünglich auch dazu da waren, Aufmerksamkeit zu erregen.

Als norddeutscher Gru?, über dessen Bedeutung es viel Unsicherheit gibt, ist Moin wohlbekannt. Wer nicht aus dem Norden kommt, vermutet hier leicht eine Verschleifung von Morgen und sagt dann wom?glich nervige Dinge wie ?Jetzt ist aber doch Nachmittag!“, wenn er_sie den Gru? h?rt. Norddeutsche finden es hingegen überhaupt nicht komisch, Moin auch am Abend zu sagen und das aus gutem Grund: Es hat n?mlich nichts mit dem Morgen zu tun, sondern mit dem mittelniederdeutschen Wort moi(e) bzw. dem ostfriesischen Wort mōi, die ’sch?n, angenehm, gut‘ bedeuten. Moin?bzw. Moin Moin hei?t also nicht ’Guten Morgen‘, sondern vielmehr ’Guten X‘, wobei X für die gerade aktuelle Tageszeit steht.

Guten Morgen und Guten Tag, sowie die verkürzte Form Tag bzw. Tach?sind wiederum Grü?e, die gleichzeitig gute Wünsche sind: Man wünscht?jemandem einen guten Tag. Deshalb funktionieren solche Grü?e auch sowohl zur Begrü?ung als auch zum Abschied, auch wenn man beim Abschied wohl meistens eher Sch?nen Tag (noch) w?hlt. Bei der Begrü?ung wünscht man dem Gegenüber, bisher einen sch?nen Tag/Morgen/Abend gehabt zu haben und mit der Verabschiedung drückt man aus, dass der Rest des Tags oder der Nacht hoffentlich noch gut wird. Auch in Grü? Gott und in der vollen Form Grü? dich Gott steckt ein Wunsch: Gott m?ge dich grü?en, dir also begegnen und dich begleiten. Auf Wiedersehen und Bis bald sind auch Grü?e, aber mit ihnen wünscht man dem Gegenüber keine sch?ne Zeit. Man bringt damit lediglich zum Ausdruck, dass man sich ein (baldiges) Wiedersehen wünscht.

Grü? Gott ist also bei Weitem nicht der einzige religi?se Gru?, den wir im Deutschen so verwenden. Weil hier im Gegensatz zu den anderen Grü?en die explizite Religiosit?t aber noch nicht dem h?ufigen Gebrauch zum Opfer gefallen und abgekürzt worden ist, f?llt sie mir hier besonders auf. So richtig gut gef?llt mir Grü? Gott jetzt zwar immer noch nicht, aber auch ich müsste mich ja noch ein ganz ordentliches Stück weit anpassen, um mich hier nicht sofort als Norddeutsche zu verraten und das dauert eben seine Zeit. Bis dahin bleibt Tschüs(s) der religi?seste Gru?, der mir über die Lippen kommt.

Zum Weiterlesen:

Moin bei Duden online: https://www.duden.de/rechtschreibung/moin__moin_. Gesehen am 31.05.2018.

tschau, ciao bei Duden online: https://www.duden.de/rechtschreibung/tschau. Gesehen am 31.05.2018.

tschüs bei Duden online: https://www.duden.de/rechtschreibung/tschues. Gesehen am 03.06.2018.

Friedrich Kluge: Etymologisches W?rterbuch des Deutschen. 25. Auflage. Herausgegeben von Elmar Seebold. Berlin: De Gruyter, 2012.

7 Kommentare zu „Gott zum Gru?e: Woher „Hallo“, „Moin Moin“ und „Tschüs“ kommen

  1. Zu ?Grü? Gott“ ich fühlte mich erinnert an das ?Namaste“ z.B. bei Yoga-Treibenden. Namaste bedeutet : ?Das G?ttliche in mir grü?t das G?ttliche in Dir!“ Das würde passen, wenn ich annehme, wie ich glaube, dass Gott in mir ist, ich eine Ausfaltung Gottes bin oder er eine Ausfaltung von mir, Diese Bedeutung k?nnte gut passen. Als mystische Aussage. Ich müsste noch tiefer forschen.

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