Gastbeitrag · Sprachvergleich

Gar nicht so fremd: Wie wir Vertrautes in den slavischen Sprachen entdecken k?nnen

Heute machen wir einen Ausflug zu entfernten Verwandten. Aus der Kindheit wei? jede_r: Das wird anstrengend – aber wenn man sich ein bisschen Mühe gibt, kann man ungeahnte Gemeinsamkeiten entdecken und sogar Spa? haben! Wir besuchen heute entfernte Verwandte des deutschen: die slavischen[1] Sprachen. Ja, genau, die mit den vielen Zischlauten und komischen Buchstabenverbindungen: Russisch, Polnisch, Serbisch und noch viele mehr. Bereit für einen Besuch? Los geht’s!

Auch ohne eine slavische Sprache zu k?nnen, verstehen wir als Deutsche schon einige W?rter in diesen Sprachen. Denn es gibt in den slavischen Sprachen viele Lehnw?rter, die aus dem Deutschen nach Osten gewandert sind: Im Polnischen sind das zum Beispiel fajerwerk (?Feuerwerk‘), knajpa (?Kneipe‘) ratusz (?Rathaus‘), szlaban (?Schlagbaum‘), szlafrok (?Schlafrock‘ – bei uns der Bademantel) und sznycel (?Schnitzel‘). Das polnische <sz> wird, wie anhand der W?rter leicht zu erraten ist, wie das deutsche <sch> ausgesprochen. Im Russischen gibt es buterbrod (Butterbrot), land?aft (Landschaft) und der Friseur hei?t parikmacher (na, verst?ndlich? – Perückenmacher).

Diese W?rter sind aus dem Deutschen entlehnt worden, das hei?t, sie sind durch Nachahmung in die slavischen Sprachen übernommen worden. Aber obwohl auch sie sehr spannend sind, gilt unser Besuch heute einem anderen Teil des slavischen Wortschatzes. Wir besch?ftigen uns mit dem Erbwortschatz des Deutschen und der slavischen Sprachen, mit W?rtern also, die schon immer zu den jeweiligen Sprachen geh?rt haben und bei denen wir die Verbindung nicht mehr ohne Weiteres sehen k?nnen.

Was sind eigentlich slavische Sprachen?

Die slavische Sprachfamilie geh?rt – genauso wie zum Beispiel auch die germanische und die romanische Sprachfamilie – zu den indoeurop?ischen Sprachen. Das hei?t, alle diese Sprachen besitzen einen gemeinsamen Ursprung: das Indoeurop?ische (früher wurde die Bezeichnung Indogermanisch verwendet, aber inzwischen ist Indoeurop?isch international üblich). Mit den Wanderbewegungen der indoeurop?ischen Sprecher_innen einige Jahrtausende vor Beginn unserer Zeitrechnung hat sich diese Ursprache auseinander entwickelt und dann ganz unterschiedliche Wege genommen, so dass es mittlerweile sehr schwer ist, die ?hnlichkeiten in den heute existierenden Sprachen noch zu sehen. Genau das aber werden wir jetzt versuchen!

Doch bevor wir dazu kommen, noch kurz ein paar Fakten zu den slavischen Sprachen. Sie werden üblicherweise nach ihrer Lage in drei Gruppen zusammengefasst: die west-, ost- und südslavischen Sprachen. Um die ?hnlichkeiten zum Deutschen zu entdecken, werde ich aus jedem Bereich Beispiele nehmen: als ostslavische Sprache Russisch, für die westslavischen Sprachen Polnisch und Tschechisch und für die südslavischen Sprachen Bosnisch/Kroatisch/Serbisch (BKS). Bosnisch, Kroatisch und Serbisch sind heute im Wesentlichen aus politischen Gründen drei eigene Sprachen, die sich jedoch so sehr ?hneln, dass sie aus sprachwissenschaftlicher Sicht gemeinsam betrachtet werden k?nnen.

Und wo ist jetzt die Verwandtschaft zum Deutschen?

Zugegebenerma?en klingen die slavischen Sprachen für deutsche Muttersprachler_innen sehr fremd. Für viele Zischlaute gibt es im kyrillischen Alphabet sogar eigene Buchstaben, weil sie in den slavischen Sprachen so h?ufig vorkommen, zum Beispiel für <tsch> und <sch>. Aber über das Indoeurop?ische sind die slavischen Sprachen und das Deutsche eben doch miteinander verwandt! Schauen wir uns zwei Beispiel-Reihen aus den slavischen Sprachen an:

BKS: grad (?Stadt‘), Polnisch: gd (?Burg‘), Tschechisch: hrad (?Burg‘), Russisch: gorod (?Stadt‘)

und

BKS: brijeg/breg[3] (?Hügel‘), Polnisch: brzeg (?Ufer‘), Tschechisch: b?eh (?Ufer‘), Russisch: bereg (?Ufer‘).

Diese W?rter sind mit den deutschen W?rtern Garten (erste Reihe) und Berg (zweite Reihe) verwandt. Um das zu verstehen, müssen wir uns den Mittelteil der W?rter genauer anschauen, also den Teil, wo das <r> und ein oder mehrere Vokale zwischen Konsonanten stehen: In der ersten Reihe ist es <r> und <a> bzw. <o>, in der zweiten Reihe <r> und <e>. Dass das <r> im Polnischen und Tschechischen einen Sonderweg genommen hat und zu <rz> bzw. <?> wurde, k?nnen wir hier vernachl?ssigen. Das <r> stand in diesen W?rtern n?mlich nicht immer dort, wo es heute steht. Es ist im Laufe der Sprachgeschichte einmal durch das Wort gewandert! Das bedeutet: Im Urslavischen, also der Sprache, aus der die heutigen slavischen Sprachen alle entstanden sind, stand das <r> noch hinter dem Vokal statt wie heute vor ihm. Diesen Vorgang nennt man in der Sprachwissenschaft Metathese (Das haben wir schon einmal anhand der Vornamen Christin, Kerstin und Kirsten erkl?rt).

Statt <r> + <a>/<o> wie in grad (BKS), gród (Polnisch) und hrad (Tschechisch) gab es einmal die Reihenfolge <a>/<o> + <r>. Es gab im Urslavischen also ein Wort, das etwa die Form gard oder gord hatte. Und das sieht doch schon sehr nach unserem Garten aus! Auch das Lateinische hortus ist damit verwandt. (Die Wissenschaft geht übrigens von der slavischen Urform *gordъ aus. Das Sternchen besagt, dass die Form rekonstruiert ist, und der hintere Buchstabe <ъ> steht im Urslavischen für einen kurz gesprochenen Vokal, vermutlich [i] oder [o/u]).

Für die zweite Reihe gilt entsprechend: Im Urslavischen waren <r> und <e> einmal vertauscht. Die W?rter brijeg/breg (BKS), brzeg (Polnisch) und b?eh (Tschechisch) sind also aus einem urslavischen Wort mit der Form berg entstanden. (In der slavischen Sprachwissenschaft schreibt man entsprechend *bergъ.)

Bedeutungsver?nderungen

Jetzt stellt sich natürlich die Frage: Wenn die W?rter offensichtlich mit Garten und Berg verwandt sind, warum bedeuten sie dann in den slavischen Sprachen etwas anderes? Hier kommt Bedeutungswandel ins Spiel. Für die Garten-Reihe gilt: Wahrscheinlich bezeichnete der Vorl?ufer dieser W?rter im Indoeurop?ischen einmal ?etwas Umz?untes‘. Was genau mit dem umz?unten Bereich gemeint war, entwickelte sich in den Sprachen dann unterschiedlich: zum Garten, zur Burg oder zur Stadt.

Die Berg-Reihe l?sst sich so erkl?ren: Wahrscheinlich bezeichnete das Wort im Indoeurop?ischen eine von oben abfallende Gel?ndeformation. In einigen Sprachen, wie dem heutigen Deutschen und den südslavischen Dialekten, verengte sich die Bedeutung mit der Zeit und die Sprecher_innen meinten damit nur noch den oberen Teil der Formation – also den Berg oder Hügel. In anderen Sprachen, wie den ost- und westslavischen Sprachen, wurde mit dem Wort dagegen nur der abfallende Teil weiterbezeichnet und irgendwann mit dem ?bergang zum Wasser in Verbindung gebracht: Es bezeichnete daraufhin das Ufer oder die Küste.

Die Wanderbewegung durch das Wort l?sst sich übrigens nicht nur beim <r> beobachten, sondern auch beim <l>. Die W?rter mlijeko/mleko (BKS), mleko (Polnisch), mléko (Tschechisch) und moloko (Russisch) sind auf das urslavische Wort *melko zurückzuführen, und das wiederum auf das indoeurop?ische *mel?-. Davon steckt noch ganz viel in unserem heutigen melken. In die Wortreihe oben k?nnen wir jetzt quasi aus dem Stegreif das deutsche Wort Milch einfügen (und tats?chlich bedeuten auch alle genannten slavischen W?rter ?Milch‘).

Wer die ganzen slavischen W?rter aufmerksam studiert hat, dem ist wahrscheinlich aufgefallen, dass das Russische immer aus der Reihe tanzt: Anstatt dass der Konsonant <r> oder <l> mit dem Vokal Platz tauscht, erscheint hier immer ein zweiter Vokal. Die Konsonanten <r> und <l> stehen also bei diesen W?rtern zwischen zwei Vokalen: g-oro-d, b-ere-g und m-olo-ko. Das Russische hat in seiner Entwicklung irgendwann einmal einen Sonderweg eingeschlagen. Warum das passiert ist, werden wir wahrscheinlich nie wirklich erkl?ren k?nnen – es ist eben so.

Schlüpfrige Liquida

Auf eine andere Warum-Frage hat die Sprachwissenschaft allerdings eine Antwort: Warum tauschen ausgerechnet die beiden Konsonanten <r> und <l> den Platz mit dem Vokal? Das liegt an den Eigenschaften dieser beiden Konsonanten. Sie werden auch als Liquida bezeichnet, also als ?flüssige“ Konsonanten. Denn bei der Aussprache blockieren sie den Luftstrom nur ganz wenig und k?nnen beliebig lange gehalten werden. Deshalb sind sie den Vokalen relativ ?hnlich. Es ist gut m?glich, dass es für die Sprecher_innen deswegen nicht so wichtig war, ob der Liquid vor oder nach dem Vokal ausgesprochen wurde. Das kann man auch selbst in einem kleinen Experiment überprüfen: Irgendwo habe ich einmal den lustigen Vorschlag gelesen, im n?chsten Uni-Gespr?ch das Wort Forschung konsequent als Froschung auszusprechen und darauf zu warten, dass jemand den Fehler bemerkt – wahrscheinlich wird das nicht passieren.

Das Ph?nomen, dass ein Liquid mit einem Vokal den Platz tauscht, wird auch Liquidametathese genannt – Metathese hei?t einfach ‚Umstellung‘. Und die Liquidametathese ist gar nicht so exotisch, wie sie auf den ersten Blick klingt! Sie zeigt sich nicht nur bei der Verwandtschaft zu den slavischen Sprachen, sondern zum Beispiel auch bei den folgenden englisch-deutschen Wortpaaren: burn und brennen, thirty und drei?ig, horse und Ross.

Die Liquidametathese, die ein kleines bisschen mit dafür verantwortlich ist, dass wir die Verwandtschaft der slavischen Sprachen und des Deutschen heute nicht mehr sehen, ist also gar kein so seltenes Ph?nomen. Vielleicht hat euch dieser kurze Besuch ja sogar Lust darauf gemacht, unsere entfernten Verwandten, die slavischen Sprachen, ein bisschen besser kennenzulernen!

Alisa Müller

Zum Weiterlesen:

Tafel, Karin (2009): Slavische Interkomprehension. Eine Einführung. Tübingen: Gunter Narr Verlag.

Schuster-?ewc, Heinz (1997): Die Wirkung des Gesetzes der Silben?ffnung im Sp?turslawischen und seine Rolle bei der Herausbildung slawischer Makrodialekte. Zeitschrift für Slawistik 42, Heft 3, 251-262.

Wikipedia-Artikel „Serbokroatische Sprache“: https://de.wikipedia.org/wiki/Serbokroatische_Sprache (gesehen am 31.05.2020).

Wikipedia-Artikel „Liquida“: https://de.wikipedia.org/wiki/Liquida (gesehen am 31.05.2020).

Wikipedia-Artikel „Indogermanische Ursprache“: https://de.wikipedia.org/wiki/Indogermanische_Ursprache (gesehen am 31.05.2020).

[1] Die W?rter Slavisch/Slawisch, Slavistik/Slawistik, Slaven/Slawen usw. k?nnen sowohl mit v als auch mit w geschrieben werden. In der Wissenschaft ist die Schreibung mit v etwas verbreiteter, im Alltag dagegen die Variante mit w.

[2] <g> wurde im Tschechischen oft zu <h>? (gesprochen wie <ch> in Dach), wie sich an den Beispielen gut sehen l?sst.

[3] Ob der Vokal als [e], [ije] oder auch [i] realisiert wird, ist ein Unterscheidungsmerkmal südslavischer Dialekte/Sprachen: Im Kroatischen z.B. gilt [ije], im Serbischen in Serbien [e] als Standard.

4 Kommentare zu „Gar nicht so fremd: Wie wir Vertrautes in den slavischen Sprachen entdecken k?nnen

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