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Auf wie viele Arten kann man Quarant?ne aussprechen?

Im letzten Zwiebel-Artikel haben wir uns gefragt, wieso es das und den Virus gibt. Auch heute bleiben wir bei linguistischen Themen rund um Corona. Diesmal geht es um die Quarant?ne und um die Frage, auf wie viele Arten man das Wort eigentlich aussprechen kann.

Die Aussprache von Quarant?ne ist momentan von gro?em Interesse: Zum Beispiel l?uft hier gerade eine Umfrage des Linguisten Simon Meier-Vieracker dazu, wie man das <qu> in Quarant?ne ausspricht, und bei Twitter hat die Linguistin Lena Ackermann nach der Aussprache des <?> gefragt.

Grund genug, uns auch einmal anzuschauen, wieso es hier so viele M?glichkeiten gibt!

Karant?ne oder Kwarant?ne?

Fangen wir vorne an: Wieso gibt es die Aussprache-Varianten Karant?ne (für IPA-Liebhaber_innen: [karant??n?]) und Kwarant?ne ([kvarant??n?])? Und welche Aussprache ist die ?ltere? Um diese Fragen zu beantworten, brauchen wir Etymologie!

Quarant?ne ist aus franz?sisch quarantaine entlehnt, was eigentlich ‚Anzahl von 40, ein Zeitraum von 40 Tagen‘ bedeutet. Denn Quarant?ne meint ursprünglich einen Zeitraum von 40 Tagen: Seit dem 14. Jahrhundert war es üblich, Schiffe aus krankheitsgeplagten Gebieten 40 Tage ankern zu lassen, bevor sie in einen Mittelmeerhafen einfahren durften. Was hat das jetzt mit der Aussprache von Quarant?ne zu tun? Das <qu> wird im Franz?sischen mit k ausgesprochen, daher also die Aussprache Karant?ne. Auch im Duden ist die Aussprache nur mit k vorgesehen.

Wie kommen wir nun auf die Idee, Kwarant?ne zu sagen? Zun?chst einmal haben wir ja bei Virus schon festgestellt, dass sich Sprecher_innen bei entlehnten W?rtern nicht gerade brennend dafür interessieren, wie die W?rter in der anderen Sprache funktionieren, sondern sie der eigenen Sprache anpassen. Und wie funktioniert die Aussprache von <qu> im Deutschen? Schauen wir uns mal W?rter an, die mit <qu> beginnen: Quelle, Quecksilber, Quark, quasseln, Qual, Quatsch, Quacksalber… die werden alle mit kw ausgesprochen. Quarant?ne ist mit seiner k-Aussprache im Deutschen also ziemlich alleine. Und was macht man so als einzelnes Wort, das nicht zum Rest passt? Man passt sich an und ganz schnell wird aus Karant?ne dann Kwarant?ne.

Simon Meier-Vieracker hat in einem Blogpost schon erste Ergebnisse zu seiner Umfrage ver?ffentlicht: In der Umfrage überwiegt die Aussprache mit k, aber in Bayern sind beide Aussprachen ungef?hr h?lftig vertreten. Mit der Aussprache von <qu> ist es aber bei Quarant?ne nicht getan. Es gibt ja auch noch das <?>.

Quarant?ne oder Quarantene?

Das <?> in Quarant?ne kann man wie bei K?se mit einem gespannten oder ungespannten langen e aussprechen: Kese [ke?z?] oder K?se [k??z?]. Du kannst es mal selbst ausprobieren und beide Varianten sagen: Bei Kese musst du deinen Mund mehr spannen als bei K?se. Daher nennen wir den einen Vokal gespannt und den anderen Vokal ungespannt. Im Duden ist für beide W?rter die Variante mit dem ungespannten langen e vorgesehen. Du kannst dir hier Quarant?ne und hier K?se mit der ungespannten e-Variante anh?ren.

Nun wirst du vielleicht sagen, dass du diese W?rter immer mit gespanntem e sagen würdest, also Quarantene und Kese, vor allem, wenn du aus dem Norden Deutschlands kommst. Denn nicht alle Sprecher_innen des Deutschen unterscheiden zwischen den e-Varianten.

Das liegt an unserem Vokalsystem. Im Deutschen fallen die Eigenschaften Gespanntheit und Vokall?nge zusammen. Soll hei?en: Lange Vokale sprechen wir gespannt, kurze hingegen ungespannt. Du kannst es mal ausprobieren und spuken und spucken sagen: Das erste u ist lang und gespannt, das zweite kurz und ungespannt. Das ist bei allen Vokalen so nur das e tanzt etwas aus der Reihe: Bei kurzen Vokalen nehmen wir zwar immer die ungespannte Variante z.B. in Ketten, aber beim langen e kann beides vorkommen: Bei See, Tee und Segel sprechen wir das e lang und gespannt. Aber bei K?se, M?hne und eben auch Quarant?ne ist es lang und ungespannt und der e-Laut wird in diesen F?llen mit einem <?> verschriftlicht. Der Unterschied zwischen lang und gespannt und lang und ungespannt kann auch eine Bedeutungsunterscheidung mit sich bringen: Beeren mit gespanntem e und B?ren mit ungespanntem e sind unterschiedliche Dinge.

Soweit die Theorie. Da das e sich aber mit seiner langen und ungespannten Variante eine Sonderrolle leistet, die in den meisten F?llen überflüssig ist, passen wir es dem Rest der Vokale an und sagen Kese, Mehne und Quarantene mit gespanntem e. Auch bei Beeren und B?ren sagt uns der Kontext meist ganz gut, ob wir lieber schnell weglaufen oder stehenbleiben und pflücken sollten. Daher nutzen viele Sprecher_innen einfach immer die gespannte Variante, wenn das e lang ist.

Wir ihr sehen k?nnt, liegt in Lena Ackermanns Umfrage zur Aussprache von Quarant?ne die ungespannte Variante vorne, aber auch nur mit 50 % der Antworten. Das gespannte e folgt mit 30 % der Antworten und 10 % der Teilnehmer_innen variieren zwischen beiden Formen.

Karant?ne, Karantene, Kwarant?ne, Kwarantene

Vier Aussprachevarianten für ein Wort! Das ist ganz sch?n viel. Aber wir sehen, dass sie sich sehr leicht erkl?ren lassen: Quarant?ne tanzt an zwei Stellen in der Aussprache aus der Reihe und wird von den Sprachbenutzer_innen zur Ordnung gerufen. Zum Glück sind die Varianten sehr subtil, sodass es deswegen nicht zu Verst?ndnisschwierigkeiten kommt. Was sagt ihr denn? Karant?ne, Karantene, Kwarant?ne oder Kwarantene?

Zum Weiterlesen:

Kleiner, Stefan (2015): „Deutsch heute“ und der Atlas zur Aussprache des Deutschen Gebrauchsstandards. In: Roland Kehrein, Alfred Lameli, Stefan Rabanus (Hrsg.): Regionale Variation des Deutschen. Projekte und Perspektive. Berlin, New York: de Gruyter, 489-518.

Meier-Vieracker, Simon (2020): Wie spricht man “Quarant?ne” aus? Ergebnisse einer Umfrage. Linguistische Werkstattberichte, https://lingdrafts.hypotheses.org/.

Umfrage von Lena Ackermann bei Twitter.

Quarant?ne im Digitalen W?rterbuch der Deutschen Sprache (DWDS).

Quarant?ne im Duden online.

 

7 Kommentare zu „Auf wie viele Arten kann man Quarant?ne aussprechen?

  1. Vor der Franz?sischen Aussprache gab es im Deutschen die italienische – siehe DWDS und Etymologie W?rterbuch von Pfeiffer.
    Italienische Aussprache war also zuerst in D da, wurde aber verdr?ngt. Und die Franzosen haben die Q. auch nicht im Mittelmeerraum erfunden. Eher die Venezianer etc. Diese Modelle der Erkl?rung sind Quark, den alle voneinander abschreiben.

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  2. Quarant?ne ist „eingedeutscht“ wegen des Ersatzes des franz?sischen „ai“ durch „?“ und die Endung mit einem „e“ (Auskunft des VDS, Verein Deutsche Sprache), also eindeutig ein Lehnwort. Von allen im Deutschen vorhandenen Lehnw?rtern, die mit Qu beginnen, ist Quarant?ne das einzige Wort mit irregul?rer Aussprache. Denn sonst würde es franz?sisch ausgesprochen: „Karont?n“. Alle anderen per Schreibweise ins Deutsche übernommenen Worte, die mit Qu beginnen, werden „Qu“/“Kw“ gesprochen. Umgekehrt sind alle Worte in franz?sischer Schreibweise, die oft als Beispiele für den reinen „K“-Laut am Anfang zitiert werden, nicht eingedeutscht (Equipe, Quiche etc.), also eindeutig Fremdw?rter; siehe Duden-Wortliste. Da wir alle st?ndig aktiv unsere Muttersprache pr?gen, halte ich es für angemessen, mit ein wenig Logik dazu beizutragen, das Erlernen und die Anwendung der deutschen Sprache, die sowieso kompliziert genug ist, zu vereinfachen – zumindest an den Stellen, an denen es m?glich und zweckm??ig ist. Deshalb hei?t es bei mir „Kuarant?ne“. ?brigens geht es auch einfacher: Isolation, denn der Begriff Quarant?ne wird in der aktuellen Krise oft falsch angewandt: Zwei Wochen haben mit 40 Tagen (gem?? Wortherkunft) nichts zu tun.
    Herzliche Grü?e,
    Uli Wer

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    1. Sehr gut! Im ?brigen hei?t es im Englischen, Italienischen und Tschechischen auch ?Kw‘arant?ne und wird auf das ITALIENISCHE zurückgeführt.

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      1. Vielen Dank, Dennis. Da mein Kommentar eh schon sehr lang war, übersprang ich die ursprüngliche Herkunft des Wortes (40 Tage Absonderung), das bereits im 12. Jh. aus dem Lateinischen über das Galloromanische ins Franz?sische gelangte (https://de.wikipedia.org/wiki/Quarant%C3%A4ne) und im Rahmen der Seefahrt des 17. Jh. besondere Bedeutung erlangte, signalisiert durch eine gelbe Flagge über dem ersten Hilfstander = „Doppel-Q“ bzw. „Seuchengefahr an Bord“ (Quelle: https://www.grosse-seefahrt.de/lexikon/Quarantaeneflagge). Die oft nachgeplapperte M?r vom franz?sischen Ursprung, welche auch der Duden (!) bemüht, überspringt da weitaus mehr. Tats?chlich wird nicht nur nach dem Wortursprung, sondern in der internationalen sprachlichen Entwicklung eines Begriffs noch weiter unterschieden nach Geber- und Nehmersprache. So handelt es sich beim Franz?sischen zun?chst um eine Nehmersprache, die Quarant?ne aus dem Italienischen übernahm, dann aber auch um eine Gebersprache, aus der wir das Wort übernahmen. Das Deutsche ist für Quarant?ne somit eine reine Nehmersprache (siehe auch: Kluge – W?rterbuch der Etymologie) und Q. wie schon gesagt eindeutig ein Lehn- und kein Fremdwort, das demzufolge auch gerne deutsch ausgesprochen werden darf :-). Sch?ne Grü?e.

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